Zeitschrift Rezensionen

Rezensiert von: Christine Lehne-Gstreinthaler

Karina Jasmin Karik, Interzession und Rechtspolitik. SC Velleianum und österreichisches Recht zwischen Protection und Protectionism. Juristische Schriftenreihe – Band 305, Wien: Verlag Österreich, 2024, ISBN 978-3-7046-9455-3

1Die an der Uni Wien 2023 approbierte und 2024 in leicht gekürzter Fassung veröffentlichte Dissertation von Karina Karik widmet sich dem InterzedentInnenschutz im römischen und im geltenden Recht, wobei sich die Autorin bei letzterem vor allem auf die §§ 98 EheG, 41 EPG und 25a-d KSchG sowie die höchstgerichtliche Judikatur zur Sittenwidrigkeit von Angehörigenbürgschaften konzentriert. Die nicht nur rechtsvergleichend, sondern auch interdisziplinär angelegte Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Nach einer kurzen „Einleitung“ (S. 1-3), einer „Methodologie“ (S. 5-11) und einer Erläuterung der im Untertitel angesprochenen Begriffe „Protection“ vs. „Protectionism“ (S. 13-19) befasst sich das umfangreiche vierte Kapitel unter dem Titel „Das römisch-rechtliche Senatus Consultum Velleianum“ (S. 21-164) mit demselben. Das fünfte Kapitel behandelt den „Interzedent:innenschutz im geltenden Zivilrecht“ (S. 165-246), den Abschluss bilden „Fazit und Ausblick“ (S. 247-255). Abschließend finden sich noch ein Literatur-, Quellen- und Abbildungsverzeichnis.

2Die übergeordnete Forschungsfrage lautet „Auf welche Weise werden in unterschiedlichen Epochen Schutznormen konstruiert und wie können die materiellrechtlichen Normen, die daraus resultieren, im Spannungsverhältnis von protection und protectionism bzw. Schutz vs. Bevormundung verortet werden?“ (S. 5 FN 5), wobei sich die Autorin sehr stark auf die Vorarbeiten von Nikolaus Benke1 stützt. Den Graubereich zwischen diesen beiden hierzulande eher unbekannten Begriffen versucht die Autorin anhand von drei Aspekten zu klären (der juristischen Begründung, dem Normzweck und der Betroffenen-Perspektive, S. 13). Letztere ist allerdings, wie die Autorin zu Recht erklärt, in der Antike nicht zu eruieren (S. 45f.). Dementsprechend ist das Buch so konstruiert, dass an jede Stelle bzw. jede gesetzliche Norm eine Analyse, inwieweit diese als protection bzw. protectionism zu qualifizieren ist, angeschlossen ist. Dies ist mitunter etwas repetitiv, bewirkt aber auch, dass das Buch aufgrund dieses roten Fadens sehr stringent ist.

3Bei der eigentlichen Analyse des SC Velleianum konzentriert sich die Autorin sehr stark auf die Eingangsfragmente des Titel D. 16,1 um die in dem SC getroffenen Maßnahmen – nicht besonders überraschend – als protectionism zu klassifizieren (S. 51). In weiterer Folge verfolgt die Autorin die von Selb2 aufgeworfene Frage, ob es sich beim SC Velleianum um eine lex imperfecta handelte (S. 58), was sie in der Folge verneint (S. 61). Bei den Exegesen der Fälle konzentriert sich die Autorin auf die Interzession mittels Darlehen, die sie anhand von zwei Gruppen abarbeitet, nämlich der Darlehensaufnahme zur Zahlung einer fremden Schuld (S. 64-97) und der Darlehensaufnahme zur Darlehensgewährung (S. 98-120). Besonders breiten Raum nimmt dabei die Exegese von D. 16,1,19,5 ein (S. 72-98), Karik argumentiert hier zu Recht, dass dieser Fall eine durch die Frau gewählte Umgehungskonstruktion darstellte. Anschließend erörtert sie Ausnahmetatbestände, so Unwissen des Gläubigers (122-131) - freilich fällt die in diesem Kontext hauptsächlich erörterte Stelle C. 4,29,13 überhaupt nicht unter diesen Ausnahmetatbestand -, calliditas feminarum (S. 131-141), Interzession mit Schenkungsabsicht (S. 141-149) und wenn die Frau sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerte (negotium suum und obligatio in rem suam, S. 149-158). Bei erlaubten Interzessionen fehlt mE die (erlaubte) Interzession der Frau zum Schutz der pupilli3 – deren Behandlung wäre hier reizvoll gewesen, zumal in diesem Fall die Schutzwürdigkeit der pupilli über die Schutzwürdigkeit der Frau gestellt wird. Ihre abschließenden Überlegungen rekurrieren wieder auf den Gegensatz von Schutz und Bevormundung, letztere sieht die Autorin bei einem Großteil der Stellen als gegeben an (S. 161-164).

4Im modernrechtlichen Teil konzentriert sich die Autorin auf die Judikatur des OGH zur Sittenwidrigkeit (§ 879 ABGB) von Angehörigenbürgschaften: Anschaulich schildert die Autorin das bewegliche System mit den Kriterien a) Missverhältnis zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und Interzessionsschuld, b) Beeinträchtigung der Entscheidungsfähigkeit der Bürgin/des Bürgen, c) Kenntnis bzw. fahrlässige Unkenntnis des Gläubigers/der Gläubigerin (S.181), das den Entscheidungen des OGH zu Angehörigenbürgschaften zugrunde liegt (S. 175-187). Im Anschluss erfolgt eine statistische Auswertung der Judikatur des OGH zur Angehörigenbürgschaft (69 SV, 71 Entscheidungen, S. 187-208) – auch diese Entscheidungen unterzieht die Autorin der Untersuchung, ob es sich um Schutz oder Bevormundung handelt, und kommt zum Schluss, dass der Schutzzweck verwirklicht wird (S. 207), dies ungeachtet dessen (oder auch deshalb), weil der OGH nur in ca. 25% der Fälle (S. 209) auf Nichtigkeit wegen Sittenwidrigkeit entschied. Danach geht die Autorin auf gesetzliche Normen ein, in denen dieser oder ein ähnlicher Schutzzweck verwirklicht wird. Hierbei behandelt sie zunächst § 31a KSchG alt und § 98 EheG. Beide wurden 1985 eingeführt, § 31a KSchG wurde 1997 durch §§ 25a-d KSchG abgelöst, § 98 EheG gilt unverändert (209-248). Dabei unterscheidet die Autorin zwischen den InterzedentInnenschutznormen der ersten Generation (§§ 25a-b und 98 EheG sowie § 41 EPG, 218-231) und jenen der zweiten Generation (231-246). Ein Abschnitt „Fazit und Ausblick“ (247-255) bildet den Abschluss. Dabei handelt es sich um eine Kurzzusammenfassung, die in 5 best-practice Empfehlungen zur Konstruktion zukünftiger Schutznormen mündet.

5Insgesamt handelt es sich um eine trotz mancher Schwächen (manches könnte gekürzt werden, die häufigen Vorankündigen beeinträchtigen die Lesbarkeit etwas) spannende Arbeit, die ein Schlaglicht auf wesentliche Aspekte des rechtgeschäftlichen Handelns von Frauen setzt. Besonders hervorzuheben ist die quantitative Auswertung der OGH-Entscheidungen, die einen guten Einblick in die Lebensrealität heutiger Angehörigenbürgschaften gibt (und was für das Thema von großer Relevanz ist, zeigt, dass auch heute Bürgschaften überwiegend (S. 190) von Frauen eingegangen werden). Man mag der Autorin nicht in allen ihren Thesen folgen, aber die Arbeit lenkt den Fokus gut auf ein bislang zu wenig beleuchtetes Thema, welches die Autorin methodisch innovativ und originell abhandelt.

Rezension vom 19. Februar 2026
© 2026 fhi
ISSN: 1860-5605
Erstveröffentlichung
19. Februar 2026

  • Zitiervorschlag Rezensiert von: Christine Lehne-Gstreinthaler, Karina Jasmin Karik, Interzession und Rechtspolitik. SC Velleianum und österreichisches Recht zwischen Protection und Protectionism. Juristische Schriftenreihe – Band 305, Wien: Verlag Österreich, 2024, ISBN 978-3-7046-9455-3 (19. Februar 2026), in forum historiae iuris, https://forhistiur.net/2026-02-lehne-gstreinthaler/